Stillstand

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Wir bräuchten Mut und haben Angst -

Warum unsere Gesellschaft ins Stocken geraten ist

Geht es eigentlich nur mir so? Alle schreien nach Veränderung aber keiner will was verändern? Ein für mich mittlerweile unverträglicher Zustand, der selbst mit der besten Achtsamkeitsstrategie nicht weggeatmet werden kann.

Im Buch "Gesellschaft der Angst" (2014) des renommierten deutschen Soziologen Heinz Bude lese ich, welche Auswirkung Ängste auf unsere Gesellschaft haben. Um Veränderung konstruktiv zu gestalten, müsse die Gesellschaft Angst akzeptieren, anstatt sie zu tabuisieren. Für Bude ist diese Akzeptanz ein notwendiger erster Schritt, um in einer von Unsicherheit geprägten Zeit – wie wir diese gerade erleben - nicht weggefegt zu werden, sondern Veränderungen voranzutreiben.

Warum beschäftigt mich dieser Gedanke?

Weil mich die Reformunfähigkeit weiter Teile unseres Gemeinwesens inzwischen an den Rand der Verzweiflung treibt. Seit mehr als 40 Jahren arbeite ich im Pflegebereich und habe in dieser Zeit unendlich viele Änderungen und Wandlungen erlebt. Jeder weiß: in der Pflege muss händeringend etwas passieren. Das Sozialgesetzbuch wartet dringend auf eine wirkungsvolle Reform. Die Zahl der zu pflegenden Menschen wird dramatisch zunehmen. Ohne Änderungen im System wird die immer teurer werdende Pflege in absehbarer Zeit nicht mehr bezahlbar sein. Die Kassen sind schon heute weitgehend leer.

Ein paar Kostproben der zahlreichen „Projekte“ gefällig? Seit Ende der 90er Jahre folgte auf die DIN ISO, EFQM und Qualitätsmanagement die Hoffnung auf „PLAISIR“, dann der große Wechsel von 5 Pflegestufen (0, 1, 2, 3, 3+) zu 5 Pflegegraden und jetzt PeBem (Personalbemessung), dass durch § 113c SGB XI gestutzt und beschnitten wieder problemlos in das alte System passt. Alles klar?

Wäre dieses starrköpfige und schwerfällige Vorgehen nur im Pflegebereich zu beobachten - es wäre schlimm genug. Aber mehr und mehr drängt sich der Eindruck auf, dass wir uns in fast allen wichtigen Bereichen ähnlich schwertun: Rente, Bildung, Verteidigung oder Nachhaltigkeit.

Woher kommt diese Reformunfähigkeit? Weshalb handeln wir, scheinbar gegen jedes bessere Wissen, vermeiden mögliche Schritte hin zu wirkungsvollen Veränderungen?

Wann ist uns der Mut zum Gegenlenken abhanden gekommen?

Der Weg, den wir gegangen sind, war vielleicht lange gut - aber nun wird es höchste Zeit, die Richtung anzupassen. Wir sind noch nicht an der Klippe angekommen, aber wir können sie bereits deutlich voraussehen. Doch während wir heftig über mögliche Wege diskutieren, gehen wir einfach den alten konsequent weiter und nennen dass dann „Kontinuität“. Dabei hat sich die Welt um uns herum grundlegend geändert. Schon sehr lange leben wir in Zeiten, in denen es uns von Jahr zu Jahr besser geht.

André Gorz beschrieb bereits 1990 in seinem Buch „Kritik der ökonomischen Vernunft“ den Weg vom ´genug´ zum ´je mehr desto besser´. Zufriedenheit schien kein erstrebenswerter Zustand zu sein, wurde oft gleichgesetzt mit ´Stillstand´ und galt somit als etwas, das es zu vermeiden galt.

Gleichzeitig können wir nicht leugnen, dass sich die Bedingungen ändern und es so einfach nicht weiter gehen wird. Wir alle spüren, wir haben deutlich mehr zu verlieren als zu gewinnen? Das macht Angst, vielen sogar große Angst.

Seien wir ehrlich: Das Zukunftsversprechen unserer Eltern: ´ihr sollt es mal besser haben´ ist doch längst ausgereizt. Wohin soll es noch führen? Wir haben es übertrieben damit und vielfach deutlich mehr Ressourcen verbraucht, als uns eigentlich zur Verfügung stehen. Dabei sind wir nicht nur maximal über unsere eigenen, sondern vor allem über die Grenzen von Menschen gegangen, mit denen wir im Alltag oft wenig zu tun haben. Menschen auf anderen Kontinenten, in zukünftigen Zeiten. Viele junge Menschen treibt genau diese Ressourcenverschwendung inzwischen auf die Straße.

Wenn doch das ´je mehr desto besser´“ immer fragwürdiger geworden ist, wäre dann nicht mehr Zufriedenheit hilfreich? Können wir das überhaupt? Sind wir in der Lage, freiwillig einen Schritt zurück zu machen, bevor es zu spät ist und wir viel Kostbares verlieren?

Wir leben noch immer in einem der reichsten Länder der Erde, aber wenn ich mir die öffentlichen Diskussionen und Beiträge anschaue, sind wir keineswegs die zufriedensten oder gar glücklichsten Menschen. Zufrieden zu sein, das reicht uns nicht - wir wollen mehr als Zufriedenheit, und je schwieriger dies wird, desto größer wird der Frust!

So entsteht eine ungesunde Mischung aus Frustration und Angst. Keine gute Basis, um mutig neue Schritte zu gehen. Ganz im Gegenteil. Vielmehr steht zu befürchten, dass wir gerade deshalb diesen bisher eingeschlagenen Weg nicht verlassen, sondern ihn bis zum letzten Schritt verhängnisvoll gehen werden.

Was bräuchte es eigentlich, um unsere Schritte in die andere Richtung zu lenken?

Loslassen? Mut? Verantwortung?

Die von früheren Generationen mühsam errungene Freiheit bedeutet eben auch, Antworten auf solche Fragen selbst zu finden und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Doch wer hilft dem Einzelnen dabei, Antworten zu finden Verantwortung zu tragen?

Wer hat uns eigentlich vorbereitet auf das große Geschenk unserer individuellen Freiheit? Früher waren Lebensläufe meist von Geburt an festgelegt, heute ist jeder Einzelne viel stärker Autor seiner eigenen Biografie. Ein großes Geschenk ja, aber auch eine noch größere Aufgabe. Sind wir ihr gewachsen? Bereiten unser Bildungssystem, vor allem aber auch unsere Elternhäuser junge Menschen auf diese Herausforderung vor?

Ist dieses Geschenk der Freiheit vielleicht für Manchen einfach zu groß? Eine riesige Wüste, in der jeder für sich darauf angewiesen ist, den besten Weg zu finden. Eine überkomplexe Welt, in der die schlichte Unterteilung in ´Gut´ und ´Böse´ das Leben immerhin ein wenig zu erleichtern scheint.

Da halten die immer zahlreicher werdenden Populisten gerne einfache Antworten bereit und übernehmen - scheinbar - die für den Einzelnen zu schwerwiegende Verantwortung. Verführer bieten ängstlichen Menschen einen täuschend festen Boden, in einer oft bodenlosen Welt. Das „Angebot“ einer scheinbaren Sicherheit durch stoische Kontinuität ist in einer sich immer schneller verändernden Welt vielleicht verführerisch, führt aber langfristig nur ins Chaos.

Wenn wir als Gesellschaft diese Ängste nicht ernst nehmen und keine guten Lösungen finden, möglichst viele Menschen auf diese Freiheiten vorzubereiten, überlassen wir jenen das Feld, für die die Welt am liebsten Schwarz oder Weiß ist. Wenn wir aber tatsächlich etwas zum Besseren ändern wollen, brauchen wir weniger Angst und mehr Mut. Dinge konkret anzusprechen, die wir uns künftig vielleicht nicht mehr leisten können oder an die wir anders herangehen müssen. Mut zu benennen, dass wir nicht jedes Risiko per se vermeiden können, und dass Sicherheit nur bedingt etwas mit Lebensqualität und Glück zu tun hat.

Wir brauchen Mut zur Verantwortung und Loslassen in einer Gesellschaft, die genau das Gegenteil verinnerlicht hat. Wenn der Soziologe Bude Recht hat mit seiner These, dass Angst die produktive Vorstufe für Veränderung ist, wird das Ignorieren dieser Angst niemals in eine gute Zukunft führen.

Dr. Hans-Jürgen Wilhelm – www.drwilhelm.org

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Verflucht zur Individualität